Ein recycelbares Raum-Zeit-Verhältnis

Essay aus Anlass eines Vortrags auf dem Symposium “Ralentir la ville ”  30 Januar 2010 in Vaulx en Velin

Gilles Clement

Dieser Text ist inzwischen 10 Jahre alt, geschrieben noch unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise von 2008 ff. Wenn man ihn heute liest, wird deutlich, dass seine Aktualität und Dringlichkeit nur zugenommen hat. Das ist der Grund dafür, dass die Redaktion von BCJ ihn hier bringt.

Promenade im Parc André Citroen, Paris

 

Verlangsamung bedeutet, der Ausdehnung von Zeit und Raum einen Wert zuzuschreiben, der alle anderen Werte übersteigt, die durch die Raum-Zeit-Kontraktion erhalten werden.

Der Wert dieser Dehnung ist nicht für alle sichtbar. Die Verkürzung der Transportzeit, die schnelle Abfolge von Bildern, das Fehlen von Stille, die sie trennt, die schnelle Montage von Szenen, die hektische Abfolge von Wörtern in jeder Radiosendung, das inakzeptable „Weiß“ in der Rede eines Moderators, die Unmittelbarkeit der Übertragung von Nachrichten im Netz: Alles trägt zur Ungeduld und Intoleranz des Wartens bei. Langsamkeit, gleichbedeutend mit Zeitverschwendung, wird in jedem Unternehmen, in dem Arbeitseffizienz mit Vollzeitbeschäftigung verwechselt wird, besonders stigmatisiert. Wer träumt, verliert Geld… Zwischen Limoges und Clermont-Ferrand legt ein auf einen einzigen Wagen reduzierter Zug die Strecke auf einer einzigen, durchgehenden Strecke zurück. Er durchquert in großer Langsamkeit bewundernswerte Landschaften, wo sich die Wälder auf roten Torfmooren öffnen, wo die von mehreren Bächen gegrabenen Reliefböden mit der Zeit ein wildes Gleichgewicht und einen Hauch von “Widerstand” erhalten. Ich habe die Passagiere beobachtet. Keiner von ihnen hat sich die Landschaft angeschaut. Die aktivsten “arbeiteten” auf ihren Computerbildschirmen, andere machten sich fieberhaft dringend Notizen, wieder andere lasen. Einige sahen sich ein Video an, andere, die gleichgültigsten, waren mit der Tastatur des Handys beschäftigt. Die müdesten schliefen oder täuschten das vor.. Alle töteten die Zeit.

Langsamkeit ist somit ein Zeitüberschuss, der um jeden Preis beseitigt werden muss. Wir wissen nicht, was wir mit den Seiten im Stundenplan machen sollen, auf denen nichts geschrieben steht. Wie werden wir die Ferien verbringen? Angst vor dem Vakuum, Vakuum des Geistes. Die Leere: unmögliche Perspektive. Was die Zeit angeht, die durch die Beschleunigung des Transports, die Geschwindigkeit des Austauschs und der Kommunikation eingespart wird, können wir nichts anderes tun, als sie sofort wieder in eine sättigende und dadurch beruhigende Aktivität zu investieren. Die Freizeitindustrie hat die Möglichkeiten der Freizeit genutzt. Die eingesparte Zeit wird genutzt, um an anderer Stelle Zeit totzuschlagen.

Können wir das, was wir über die Zeit sagen, auch auf den Raum übertragen? Können wir den Raum je nachdem verlangsamen oder beschleunigen? Den Raum erweitern oder verkleinern – seinen subjektiven Wert verändern – können wir ihn beschleunigen oder verlangsamen in seiner Wahrnehmung, indem wir seinen subjektiven Wert modifizieren? Was bedeutet es in einem Reflexionsfeld, in dem Raum und Zeit sowohl objektiv als auch subjektiv wirken, die Stadt zu verlangsamen?

Den Fachleuten des Raums, also den Stadtplanern, Architekten, Landschaftsgestaltern und Künstlern, sind die Techniken der Beschleunigung oder Verlangsamung von Perspektiven gut bekannt. Ein dunkles Objekt und ein helles Objekt mit gleichem Volumen und identischer Form werden bei gleicher Entfernung dennoch vom Betrachter nicht in gleicher Weise wahrgenommen. Das helle Objekt, optisch erweitert, erscheint näher als das dunkle, optisch zusammengezogene Objekt. Der Zugang zu dem hellen Objekt erscheint daher unmittelbarer. Eine direkte Perspektive, die von Mauern gleicher Höhe begrenzt wird, erscheint kürzer als eine Perspektive gleicher Länge, die von heterogenen Elementen begrenzt wird, weil der Zugang zu den Grenzen des Sichtfeldes unmittelbar ist. Eine Perspektive verlangsamt sich umso mehr, je länger der Blick durch sie hindurchgeht. Ein Garten scheint umso größer zu sein, je höher die Anzahl der Ereignisse ist, je fremder das Gefühl einer Reise, desto mehr Zeit scheint zu vergehen durch das Staunen.

Das subjektive Schreiben des Raumes gleicht dem Trompe l’oeil, der optischen Täuschung im Theater.

Eine objektive Verlangsamung, dh eine messbare Reduzierung der Geschwindigkeiten – aller Geschwindigkeiten – setzt voraus, dass die Folgen der Verlangsamung als ein gesellschaftlicher Vorteil erkannt würde. Die Verlangsamung der Stadt bedeutet, einen Nutzen aus der Länge der Fahrten, der Langsamkeit der Stadtentwicklung und der Nutzung eines Raums zu ziehen, der nicht auf Rentabilität abzielt, sondern auf andere Werte, die zu entwickeln die hektische, effiziente und effektive Stadt nicht leisten kann.

Die Stadt zu verlangsamen bedeutet, die Werte umzukehren, die die aktuellen Konsummechanismen bestimmen und die die Marktwirtschaft ankurbeln. Eine der starken Komponenten dieser Wirtschaft betrifft das fast sofortige Veraltern von Konsumgütern. Sie müssen schnell weggeworfen werden, um neue, zerbrechliche und wegwerfbare Produkte zu kaufen und so weiter. Die kurz terminierte Wirtschaft basiert auf einer immer stärkeren Beschleunigung der Kaufimpulse. Gleichzeitig führt die Beschleunigung der Kauf-Verkauf-Bewegungen zu einem Börsenrausch, der Flash-Transaktionen entspricht. Die Beschleunigung ist somit Teil einer produktivistischen Wirtschaft, deren Endphase – nur noch Verschwendung und Abfall – in ihrer Unfähigkeit, noch Handelsfunktionen auszuüben, 

  •  den realen Raum, verstopft und disqualifiziert, wenn wenn es um das physische Territorium geht, und ebenso
  • den virtuellen Raum verstopft und disqualifiziert, wenn es um das mentales Territorium geht.

In jedem Fall vergiftet die aufgehäufte Umweltverschmutzung den Planetengarten (1), ebenso wie sie die Gehirne von Finanzspekulanten in einer fiktiven Flut giftiger Produkte ertränkt. Die engen Bindungen, die die reale Welt und die virtuelle Welt verknüpfen, zeigen jedoch deutlich, wie letztere – die Welt der Spekulanten und des Glücksspiels – das Ganze unter dem alleinigen Nenner des Wettlaufs um Profit lenkt.

Die Verlangsamung der Stadt sollte mit einer Ent-stopfung (statt Vollstopfen) des (real und virtuell) verschmutzten Raums zusammenfallen, um Platz für Raum, aber auch für eine Zeit zu schaffen, deren Nutzung keine anderen Abfälle als recycelbare produzieren würde.

Die Verwendung von recycelbarer Raumzeit bedeutet, täglich die Frage nach der Endlichkeit des Planeten zu stellen oder zumindest im Bewusstsein seiner ökologischen und seiner räumlichen Endlichkeit zu handeln. Meines Wissens haben nur wenige, seltene Zivilisationen mit langsamem Nomadentum sich in einer recycelbaren Raumzeit zu entwickelt gewusst, ohne die Haut der Erde zu verändern. Ich denke an die afrikanischen Pygmäen, die australischen Aborigines, einige indianische Völker … Diese Leute mussten die Stadt nie verlangsamen, sie hatten nie Städte, sie haben nie die Entwicklungsstufe erreicht, die die Basis ist für Fettleibigkeit, irrationale  Wachstumspathologie, Krebsgeschwüre… Was wäre eine recycelbare Raumzeit für eine Weltbevölkerung, die um die Mitte des 21. Jahrhunderts in Megalopolen lebt, wenn sich die Einwohnerzahl 9 Milliarden nähert?

Die Tatsache, dass man sich nicht räumlich ad infinitum weiter entwickeln kann (aufgrund der räumlichen Endlichkeit des Planeten), auferlegt uns, materielles Negativ-Wachstum (Degrowth) als eine unausweichliche nächste Stufe der Evolution der menschlichen Gesellschaft zu erkennen. 

Die Besetzung von Raum durch Alltagsgegenstände ist Vorgängen, anhand derer man die Zerstörung berechnen kann. Nanotechnologien hingegen – in ihrer besten Anwendung – erlauben den geringste Raumgebrauch für die nützlichsten Dienste. Dennoch können selbst die fortschrittlichsten und besten Technologien diese immense und sog. vorteilhafte Zerstörung des Planeten nicht abwenden, die die Architektur darstellt.

Architektur und ihre Ordnung – die Stadtplanung – genießen absolutes Prestige in einer Welt, die dem wirtschaftlichen Prinzip unterliegt, nach dem gilt “wenn das Gebäude in Ordnung ist, ist alles in Ordnung”. Ein Gärtner hingegen denkt: “Wenn der Garten in Ordnung ist, ist alles in Ordnung”, da man erst die Welt ernähren muss, bevor man sie überhaupt beherbergt. Allerdings ist die Zivilisation, die das Bauen propagiert und die die Architekten zu Herren des Raums macht, offensichtlich doch nicht in der Lage, die Welt beherbergen oder ernähren. Das demografische Wachstum – ein Tabuthema – geht einher mit einer proportional immer größeren und immer Besorgnis erregenderen Zunahme von Armen und Unterernährten.

Sich der Begrenztheit des Planeten anzupassen, bedeutet – notwendigerweise – demografisch abzunehmen. Selbst wenn Jean Ziegler, Berichterstatter der FAO, einräumt, dass dieser Planet doppelt so viele Einwohner ernähren könnte wie heute, wenn die Landwirtschaft auf ökologischen Landbau umgestellt würde (was möglich ist) – das Problem des nicht vermehrbaren Raums zwingt, demographischen Rückgang oder zumindest Stabilisierung – ins Auge zu fassen. Die Weltwirtschaft arbeitet jedoch ausschließlich nach dem Prinzip einer Konsumsteigerung, bei der die Anzahl der Verbraucher ein ebenso starker Pluspunkt ist wie die immer schnellere Wiederholung von Konsumhandlungen, woran das Obsolet-werden von Produkten gekoppelt ist.

Die Stadt zu verlangsamen, an eine nicht zerstörerische Zukunft des Planeten zu denken, bedeutet gleichzeitig, Wirtschaft und Demographie neu zu denken.

Theoretiker, aber auch Praktiker der Alterglobalisierung haben Experimente ins Auge gefasst und (manchmal) durchgeführt, die die Gültigkeit neuer Formen von Wirtschaften und neuer Praktiken demonstrieren. Die Slow Food-Bewegung zeigt ein anderes Verhältnis zu Zeit und zu Qualitätsanforderungen an Produkte. AMAPs (2) entsprechen einem ökonomischen Modell der lokalen Produktion und Distribution unter Vermeidung einer Distribution über grosse Strecken, die für die exorbitanten ökologischen Kosten jedes transportierten Produkts verantwortlich ist. Aber obwohl ein jede/r um das demografische Problem weiss oder wissen könnte, möchte niemand eine Regulierung zwecks eines zukünftigen Gleichgewichts des Planeten zum Thema machen. Die  Medien, überladen mit Themen der  ökologischen und finanziellen Krise, lassen Ökonomen ans Wort, die zu Superstars des Planeten geworden sind. Einige wagen schüchtern, die demographischen Frage zu erwähnen. Einige, deren Meinung ich teile, sprechen die Notwendigkeit von Kenntnis an. Wir können keine Regulierung durch Gewalt durchsetzen (dies gilt für jede Form von Regulierung), aber wir können hoffen, dass so etwas sich durchsetzt aufgrund von Kenntnis seiner Notwendigkeit. Die Verlangsamung der Stadt – das materielle Negativ-Wachstum – ist also direkt mit der Zunahme von Kenntnis verbunden: mit immateriellem Wachstum.

In der Perspektive einer Gesellschaft, die zwangsläufig mit der Zerstörung des Planeten endet, anstatt ihn zu erhalten, seine Vielfalt zu erhöhen, die Grundlage des Lebens zu re-qualifizieren und eine recycelbares Raum-Zeit-Verhältnis zu schaffen, ohne die Inventivität des Lebendigen zu beeinträchtigen – dies ist das Modell einer globalen Entwicklung, auf das wir abzielen müssen. Dies impliziert aber auch materiellen Rückgang und demographischen Rückgang, die in ihrer Dynamik eng miteinander verbunden sind. Doch kann sich niemand  keinen Rückgang vorstellen, der einem Verlust oder einem Zurückkehren zu etwas Früherem gleichkommt. Die Mechanismen der Evolution, so tastend sie auch sind, reproduzieren nicht mehr die alten Muster. Was wäre aber dann die Entschädigung dafür, das Wachstum aufzugeben, das die Gesellschaften von morgen verkünden?

Wenn man die Stadt verlangsamt und der Zeit-Raum-Ausdehnung einen Wert zumisst, der größer ist als jeder andere, durch die Raum-Zeit-Kontraktion erreichte Wert, dann vergrössert man die Fähigkeiten, auf immaterielle Weise zu leben – das sind die materiellen Gaben von Zeit und Raum.

Lille, Parc Matisse – Jardin en mouvement

Was können wir tun, um diese neuen Wege zu öffnen? Wir benutzen nur ein Achtel unseres Gehirns. Was machen wir mit den anderen Teilen?

Unsere Zivilisationen, versunken in der attraktiven Welt der exakten Wissenschaften, orientiert an technologischer Leistung im Wunsch, Natur, Raum und Zeit zu beherrschen – haben sie nicht einen wesentlichen Teil der menschlichen Fähigkeit nicht außer Acht gelassen, nämlich den, die Umwelt wahrzunehmen und auch mit einem anderem Medium als dem des Verstands zu kommunizieren? Haben sie die Kunst nicht den flüchtigen Freuden der Provokation überlassen, um sie an die kommerziellen Netzwerke auszuliefern, wobei sie die Funktion der Kunst als universelles Medium vergessen haben? Sind sie nicht dabei, den Kulturraum in einen vulgären und verdummenden Vergnügungspark zu kippen?

Aus meiner Sicht ist die Gartenarbeit am ‘jardin planétaire’ der Zukunft (2) auf immer mehr Wissen angewiesen, um zu erreichen, dass wir dadurch, dass wir uns nicht einzumischen, einen Gewinn erzielen. Bei dieser Art von Gartenarbeit des ‘Sich-Nicht-Einmischens wird an der gleichen Stelle weniger Energie verbraucht, als die Natur sie verbraucht, und wird dennoch mehr und ein besseres Ergebnis erreicht. 

Die verlangsamte Stadt – das Haus des Gärtners – wäre diejenige, in der wir am wenigsten ausgeben, um das meiste zu bekommen, in der wir uns am wenigsten bewegen, um den Besten zu begegnen.

In meiner idealen Regierung ist das erste Ministerium das Bildungsministerium, besser: das Wissensministerium. Alle anderen Ministerien, die im Hinblick auf  das politische Negativ-Wachstumprojekt ineinander verschachtelt sind, stützen sich auf ein anderes, neues Verständnis der Wirtschaft, ohne politische Entscheidungsgewalt, während die höchste Position, die des allen zugänglichen Wissens, das Wissensministerium, die Entscheidungen der Regierung lenkt. Diese Entscheidungen haben nichts mit dem Markt zu tun, sondern mit Kunst und Kultur, mit allem, was die Geschichte der Menschheit, des Immateriellen und der Träume prägt.

Copyright Text und Fotos © 2010, Gilles Clément – Copyleft : http://artlibre.org

Fussnoten:

(1)  Verweis auf das Konzept des ‘Jardin planétaire’, das Gilles Clement entwickelte, um damit auf den grossen globalen Zusammenhang des Planets Erde aufmerksam zu machen, den es als einen solchen grossen Zusammenhang zu begärtnern gilt. (Red.)

(2)  Die sogenannten AMAPs (Associations pour le maintien d’une agriculture paysanne) haben das Ziel, den regionalen und biologischen Anbau zu fördern und dennoch gegenüber der industriellen Landwirtschaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Prinzip der AMAPs besteht darin, eine direkte Verbindung zwischen Produzenten und Verbrauchern herzustellen, um landwirtschaftliche Erzeugnisse vor Ort ohne lange Transportwege zu einem fairen Preis zu vertreiben. (Red.)