Veranstaltet von: Der Standard, GVB-die Gemeinnützigen, Raiffeisen Bausparkasse, WKO\-Fachverband Steine-Keramik und das Magazin ‘Wohnen-Plus’

Wohnbau im Klimanotstand – behutsam oder radikal?

Beitrag zum Symposium ‘Perspektiven der Zukunft des Wohnens’. Wien 27.2.2020 

Helga Fassbinder

Was heisst radikal? Was heisst behutsam? Bei beiden Vorgehensweise gibt es jeweils zwei Spielarten: eine kurzfristig und vorrangig betriebswirtschaftlich orientierte, und eine weitsichtig und umfassend orientierte. Auch der Klima-Notstand ist nicht überall gleich.

In Österreich heisst das lange Hitzeperioden, Starkregen, Stürme. An den Meeresküsten ist das anders. Dort bewegt der Klima-Notstand die Gemüter vorrangig wegen des steigenden Meeresspiegels. Der könnte bis Ende dieses Jahrhunderts 2m höher sein. Niederländische Ozeanologen haben eine Rettungsstrategie vorgetragen, die derzeit in Fachkreisen diskutiert wird: das Eindeichen der gesamten Nordsee, mit einem Deich von Frankreich bis England und von Schottland bis Norwegen – zur Sicherung der Küstenstädte von Nord- und Ostsee. Kostenpunkt 300-500 Milliarden, die sich die 15 Anrainerstaaten teilen müssten. Radikal. Aber von welcher der beiden Spielarten?

Der Klima-Notstand im städtischen Österreich wirkt dagegen geradezu einfach bewältigbar. Eine behutsame, aber kurzsichtige Lösung wäre, Massnahmen zu beschränken auf Wärmedämmung der Gebäude – denn ausserhalb der Gebäude bleibt es immer noch heiß. Die noch kurzsichtigere Lösung wäre Klimaanlagen – davon redet glücklicherweise schon niemand mehr.

Was wäre eine weitsichtige Lösung?

Mein Vorschlag heisst: Leitbild Biotope City. Die dichte Stadt zu Natur werden lassen. Die Städte weitestgehend mit Blattgrün zu bedecken.

Die Meriten von Blattgrün sind bekannt: 

Blattgrün trägt erheblich zur Senkung der Hitze bei, ebenso zur Regenwasserretention, es bremst Wind, schluckt Geräusche, bindet CO2 und fördert als Dreingabe die so wichtige bedrohte Biodiversität.

Also die Stadt re-naturieren. Nicht als Gartenstadt, sondern als dicht bebaute und doch gleichzeitig intensiv begrünte Stadt. Ich nenne das die Gartenstadt des 21.Jhds.

Logisch folgt daraus eine weitgehende Bedeckung von gebauten Strukturen und Aussenräumen mit Blattgrün – also Gründächer, begrünte Fassaden, Freiräume mit so vielen Bäumen und Gärten wie möglich, die Verkehrserschliessung bei Neubau weitgehend unterirdisch zur Vergrösserung der Flächen für grünen Freiraum.

Es ist die kostengünstigste Massnahme gegen den Klima-Notstand.

Die Realisierung liesse sich zudem sofort startenund wäre nach wenigen Wachstumsjahren klima-effizient.

Ist das radikal? Oder nicht doch eigentlich behutsam? Aber vor allem: ist es realistisch? Ist es leistbar

Es ist leistbar und wird zur Zeit in Wien bereits geleistet– in der Biotope City Wienerberg, die Ende dieses Jahres fertiggestellt sein wird. Ein Kandidat-Pilot-Projekt der IBA Wien. Die ersten Bewohner sind bereits eingezogen.

Das Projekt in Stichworten:

Dichte Bebauung auf 5.4 ha, 1.000 Wohneinheiten, davon 650 im sozialen Sektor, zentral gelegene Gemeinschaftsräume und Nahbedarfseinrichtungen, Kitas, eine Schule, Bureaus, ein Hotel. Die Gebäude weitgehend begrünt auf Dächern und an Fassaden; im gesamten Freiraum bereits grosskronigeBäume; anstatt der herkömmlichen Rasenflächen Wiesen und solche Stauden und Sträucher, die eine hohe Biodiversität aufweisen und geringen Pflegeaufwand erfordern; und private und gemeinschaftliche Gärten für urban gardening. Radwege. Autos unterirdisch, Zufahrten nur für die Feuerwehr. Das alles leistbar innerhalb des Kostenrahmens, der in Wien üblich ist.

Dieses Quartier ist nach dem Leitbild Biotope City geplant und gebaut.

Das heisst:

  • zur Bewältigung des Klima-Notstands werden die regenerativen Mechanismen der Natur genutzt: Klimaregulation und Feinstoff- und Schadstoff-Absorption durch Blattgrün und CO2-Fixierung in Pflanzen.

Die Biotope City Wienerberg wird dadurch deutlich kühler; durchströmende Winde bewirken sogar einen Kühlungseffekt für die umliegende Stadt.

Es bringt auch gute soziale Folgen mit sich:

die naturnahen Bewegungsräume direkt vor der Haustür und das Natur-Erleben und der mögliche aktive Umgang mit Natur wirken sich positiv auf Gesundheit und Psyche aus und befördern das Miteinander der Bewohner.

Und last not least: aufgrund einer bewusst einheimischen Pflanzenwahlwird die Biodiversität gestärkt.

Das Konzept wird realisiert von 7 vorausdenkende Wohnungsbaugesellschaften, denen klar ist, dass das Leitbild Biotope City einen maximalen Zukunftswert ihrer Investition erbringt.

Bei der kooperativen Erarbeitung des Masterplans für das Gebiet wurden die Qualitätskriterien einer Biotope City für diesen Ort spezifiziert und in einem ausführlichen Katalog juristisch festgeschrieben. Das war dann, nach Genehmigung durch die Stadt, die Grundlage für die weitere Ausarbeitung der Gebäude und des Freiraum. Von Anfang an war auch die Simulation des Mikroklimas nach der Greenpass-Methode mit an Bord.

Was heisst das aber für die Umsetzung ? Es ist schliesslich ein echtes Pionier-Projekt, das in vielen Bereichen Neuland betritt.

Eine lebenskluge niederländische Redewendung sagt: „Tussen droom en daad staan wetten in de weg en praktische bezwaren“ – zwischen Traum und Tat stehen Gesetze im Weg und praktische Beschwerden….

Und da gab es einen Glücksfall:

Ein multidisziplinäres Forschungsteam unter Leitung der Boku begleitet seit der Genehmigung den gesamten Prozess bis zur FertigstellungDas ist ausserordentlich wichtig, denn an vielen Punkten stiess die Realisierung dieses Konzepts an die Schranken des Gängigen und an Richtlinien und Verordnungen.

Das Forschungsteam konnte helfen

  • bei der aufwändigeren Koordination und Steuerung;

  • mit Infos über anderswo bereits erprobte Lösungen;

  • mit dem Anstoss zur Anpassung von Richtlinien, zB beim Brandschutz;

  • und es konnte die Vorbereitung auf die zusätzlichen Anforderungen an die Hausverwalter anstossen.

Ausführliche Informationen dazu und zu vielen weiteren Meritendes Projekts finden Sie in der Broschüre ‘Hidden Treasures’ der Biotope City Wienerberg, die auch online ist auf der Website der IBA und auf der website von Biotope City Journal.

Das Forschungteam wird Ende dieses Jahres einen Katalog mit Vorschlägen zur Modifizierung bisheriger Verfahren, Richtlinien und Verordnungen vorlegen. Und dann wird auch eine Art Drehbuch, ein Leitfaden, auf den Tisch gelegt werden, wie man solch eine Biotope City realisieren kann. Zukünftige Projekte werden es also viel leichter haben und ohne die Hilfe eines begleitenden Experten-Teams auskommen können!

Ist eine Biotope City nun eine behutsame oder eine radikale Massnahme gegen den Klima-Notstand?

Ich überlasse Ihnen die Beurteilung und kann nur sagen: Auf jeden Fall ist es eine Lösung von der weitsichtigen und umfassenden Spielart! Und es ist leistbar!

Was würde das bedeuten für unser zukünftiges Leben in der dichten Stadt? Schliessen Sie einen Augenblick die Augen – ich führe Sie sich in die Zukunft Wiens im Jahr 2120:

Überall in den Strassen gibt es Gärten und an vielen Fassaden ranken Pflanzen empor. Nur schmale Fahrbahnen gibt es noch. Die Menschen bewegen sich zu Fuß, auf Fahrrädern, auf Scootern – für darüber hinausgehende Bedarfe huschen auf Abruf lautlos selbstfahrende Taxis herbei; seltene Male fährt da auch noch, ein curiosum, ein liebevoll gepflegter Oldtimer aus der Diesel+Benzin-Zeit. Gärtnern ist das große kollektive Urban Doing geworden und hat auf diese Weise zu einer ausgeglichenen Gesellschaft beigetragen – und das trotz ihrer sehr heterogenen Zusammensetzung. Und Wien wurde wieder einmal zur „Weltmetropole der urbanen Natur“ gekürt!