Tagung 4.10 2019 Berlin

Eine Einleitung in die Thematik

Helga Fassbinder

Veränderte Rahmenbedingungen

Die Rahmenbedingungen für Stadtplanung haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Wir haben es derzeit mit weltweiten Entwicklungen zu tun zu, die nun geradezu dramatische Dimensionen angenommen haben: eine globale Bevölkerungsexplosion, die sich zu 90% in den Städte und Ballungsräumen abspielt, Erderwärmung, die schneller als noch vor einigen Jahren vermutet steigt, erheblich zugenommene urbane Umweltverschmutzung, eine dramatische Abnahme an Biodiversität und schliesslich auch ein Verbrauch von natürlichen Ressourcen, der sich laut OECD bis 2060 verdoppeln wird.

Diese Tendenzen sind längst auch in den europäischen Städte spürbar und beeinträchtigen die Lebensqualität durch starke Zunahme der Hitzetage und Tropennächte, durch Zunahme von Sterbefällen aufgrund von Feinstaubbelastung, durch Überschwemmungen bei langdauernden Starkregengüssen, die das Kanalisationssystem überlasten, durch Stürme und Windhosen in bisher ungekannter Stärke, die ganze Dächer abdecken können. Tendenzen, die sich allen Prognosen zufolge in Zukunft noch verstärken werden.

Herausforderung für Stadtplanung, Architektur und andere Disziplinen, die etwas mit Stadt zu tun haben

Wir sind dringend aufgefordert, Massnahmen zu ergreifen, mit denen wir mildernd auf diese Entwicklungen einwirken können. Das betrifft das Planung und Bauen in besonderem Masse, zumal aufgrund des starken Bevölkerungszustroms in die Städte sich auch ein hoher Baubedarf ergibt.

Glücklicherweise gibt es zZt. breite Aufmerksamkeit weltweit für die Problematik der Erderwärmung durch Greta Thunbergs Aktionen, eine Jeanne d’Arc des 21. Jhds.

Aber es geht um mehr als um das Klima. Die dichte Stadt als Natur wirft die Frage auf:

Dazu gibt es ganz unterschiedliche Positionen. Ich trage Ihnen hier die Sicht vor, von der wir ausgehen.

Natur ist kein fester Zustand – ein Zustand der Welt zu irgendeinem fixen Zeitpunkt der Gegenwart oder der Vergangenheit.

Natur ist auch nicht etwas, was sich ausserhalb von uns Menschen abspielt.

Das verlangt Reflexion über das Verhältnis Mensch – Natur – und führt zu der Erkenntnis: Natur ist ein Gesamtsystem, das uns Menschen mit einschliesst.

Was bedeutet das für uns imhinblick auf Planen&Bauen? Das ist der Hintergrund, vor dem die grosse klassische Frage zu beantworten ist. Diese Frage heisst:

Wenn wir diese Frage heute stellen, dann geht es um die Rahmenbedingungen des Lebens anno 2019

Das betrifft weit mehr als den Klimawandel, der derzeit im Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit steht. Um nur bei einen Aspekt stehen zu bleiben: Die OECD publizierte am 9.September 2019 eine Bericht über Prognosen des globalen Ressourcenverbrauchs bis 2060. Vom Ausgangsdatum 2017 aus gesehen wird sich der Ressourcenverbrauch bis 2016 verdoppeln.

Was heissst das?

Das, womit sich die Menschheit über Jahrtausende hinweg gratis bedient hat, wird schon bald nicht mehr hinreichend zur Verfügung stehen: Süsswasser, saubere Luft, verrautes Klima, viele Rohstoffe, Biodiversität.

Zudem nehmen die Regenerationskräfte der Natur vielerorts drastisch ab.

Was wir vergessen zu haben scheinen: Natur keine Fundgrube“ sondern ein Gesamtsystem und wir als Menschen sind Bestandteil dieses Systems. Man kann es noch zugespitzter formulieren: wir sind eine der Erscheinungsformen dieses Gesamtsystems. 

Wir müssen also unsere generelle Frage nach dem ‚Wie‘ des Planens + Bauens ergänzen:

Das heisst: Homo sapiens, flora und fauna sitzen in einem Boot… Es geht in Zukunft darum, zu kooperieren, statt auszubeuten und die Regenerationskräfte der Natur zu unterstützen, statt sie zu schädigen. Das erfordert auch eine andere Sicht auf die Stadt.

Unter heutigen Bedingungen darf Planen+Bauen einfach nicht mehr solche Ergebnisse liefern – auch nicht, wenn hier und da ein Gründach als Feigenblatt angelegt wird.

Grün mit seinen vielen besonderen Eigenschaften wird in Zukunft im Städtebau eine zentrale Rolle spielen müssen, wenn wir die Herausforderungen unserer Rahmenbedingungen wirtschaftlich und sozial leistbar bewältigen wollen. Grün, Blattgrün ist gut zur Klimaregulierung, Feinstoffbindung, Regenwasser-Retention und gut für Gesundheit und Psyche. Das wird nun breit selbst in den Medienbehandelt. Begrünung ist glücklicherweise ein neues, populäres Thema. 

Auch in der Fachwelt hat die Idee von ‚mehr Grün‘ Fuss gefasst – nicht allein als Strassengrün mit Bäumen und in Form grüner Dächer, sondern auch Grün an den vertikalen Flächen der Gebäude.

Allerdings gibt es immer noch vielfach Widerstand gegen Grün. Gegen Bäume wegen des Blattfall im Herbst, und mehr noch gegen Grün an Fassaden – bei Bürgern in erster Linie wegen der Unkenntnis, wie man’s kostengünstig machen kann, ohne Bauschädenzu verursachen. Bei Architekten auch aus ästhetischen Gründen.

Zudem wird Grün auch von seinen Verfechtern oft nur wie ein weiteres technisches Mittel der Ausstattung von Städten angesehen, eben ein natur-technisches Element, das seine Eigenschaften auslebt zu unserem Nutzen als Menschen. Also eine utilitaristische Verwendung dieses ‚Materials‘ Grün. Bloss dass Grün etwas lästiger ist als die üblichen Baukomponenten Stein, Holz, Beton, Stahl, Kunststoff, Glas, weil es bei Schlüsselübergabe noch nicht viel vorstellt und im Laufe der Zeit nicht dann still stehen bleibt, wenn man es hinreichend findet.

Grün ist aber etwas generell anderes – es ist ein lebendiges Element.

Es dringt vielfach nicht ins Bewusstsein, dass Grün eine der Erscheinungsformen von Natur ist und eingebettet ist in grössere Zusammenhänge, um nicht zu sagen in ‚ganz grosse Zusammenhänge‘, die auch uns selbst, uns Menschen umfassen. 

Grün ist eben nicht einfach eine clevere Maschine, die Atemluft spendet, Wasser aufnimmt und Feinstoff ansaugt. Grün ist etwas grundlegend anderes, etwas das in ständiger Veränderung und Interaktion mit seiner Umgebung begriffen ist. Man kann deshalb Grün nicht einfach in den Kanon von Baustoffen aufnehmen, ohne diesen Gesamtzusammenhang ins Blickfeld zu fassen.

Grün in der Stadt bedeutet auch: Zusammenleben mit Flora & Fauna – also KohabitationEine Kohabitation mit Insekten, Vögeln, kleinen Säugetieren und Reptilien in der dichten Stadt.

Grün planerisch zu integrieren in die Stadt, in Gebäude, heisst, die Stadt bewusst als Biotope zu sehen. Ein Biotope, das auch uns als Hauptbewohner umfasst.

Biotope City“ als Begriff signalisiert es bereits: Biotope City – die dichte Stadt als Natur ist ein Leitbild, das ausgeht von einer wechselseitigen win-win-Situation im Zusammenleben von Mensch und Natur auch in dicht bebauten Gebieten.

Hohe Dichte und Urbanität werden nicht als Gegensätze zur Natur behandelt, sondern durch eine entsprechende Planung in der dichten Stadt wird gleichzeitig auch Raum für Flora und Fauna geschaffen. Dadurch wird ein Beitrag zur Klimaresilienz geleistet und ein gesundes Wohnklima ermöglicht.

Das Ziel einer Sicht auf die Stadt als Biotope City ist, als Ergänzung und Verbesserung unserer technischer und sozialer Lösungen, eine kluge, bewusste Einbettung der Stadt in das Gesamtsystem ‚Natur‘ zu finden, und die heutigen und zukünfitgen klimatischen Bedingungen dadurch zu mildern, dass wir uns gewissen Mechanismen der Natur, speziell die des Blattgrüns zunutze machen – zu beidseitigem Gewinn: für uns Menschen als auch für Flora und Fauna.

Das Leitbild Biotope City erfordert freilich in mancher Hinsicht eine Anpassung der gängigen Verfahrensweisen und Techniken – positive gesehen bietet es die Chance einer erweiterten Kooperation von Fachdisziplinen, von Stadtplanern, Architekten und Landschaftsarchitekten bis hin zu Sozialwissenschaftlern, Ökologen und Vegetationstechnikern. 

Diese dichte Stadt als Biotope geht aus von drei tragenden Prinzipien:

Es geht also um eine zukunftsfähige Antwortauf die Herausforderungen durch Klimawandel und Heterogenität der Bevölkerung für ein gesundes Zusammenleben in der Stadt, um die zukunftsfähige Stadt einer humanen, umweltgerechten Gesellschaft, eine Stadt, die hoch verdichtet und extrem grün ist. Das wird auch eine Stadt sein, die eine andere, neue Schönheit besitzt, als die, die wir, geschult an der Moderne, gewöhnt sind. 

Es geht um den Durchbruch zu einer neuen, zukunftsfähigen Form von Städtebau, klimaresilient, ökologisch, ressourcenschonend.

Nota bene: Das ist keineswegs nur eine nette Idee, sondern eine Notwendigkeit in einer Welt, in der wir dabei sind, mit unserem utilitaristisch reduzierten Verständnis von Stadt gegen die Wand zu fahren.

Es geht auch nicht um eine unerfüllbare Wunschvorstellung: Die Bausteine für solch ein Planen + Bauen sind bereits vorhanden, die Techniken sind entwickelt. Doch gibt es eine Reihe von Schwierigkeiten zu bewältigen. Gängige Verfahren, gängige Lösungen und das gesamte Regelwerk des Bauens sind noch nicht darauf ausgerichtet.

Auch ist dieses Konzept keine ferne Zukunftsmusik: Es ist bereits Realität im Werden: In Wien ist solch ein Quartier im Bau, die Biotope City Wienerberg.

Wien befindet sich in einer ähnlichen Situation wie Berlin: Die Stadt ist mit einem erheblichen jährlichen Bevölkerungswachstum konfrontiert. Gleichzeitig sind die Prognosen für den mittleren Temperaturanstieg im Alpenraum selbst doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt. Die Stadt steht also vor der Aufgabe, sowohl Wohnraum für neu ankommende Bewohner, besonders auch im unteren Einkommenssektor zu schaffen, als auch die Lebensbedingungen ihrer Bewohner insgesamt zumindest zu sichern, doch wenn möglich zu verbessern angesichts der jetzt bereits eingetretenen Umstände.

Die Stadt, Bauträger und Architekten haben mit der Planung eines Neubaugebiets von 5,4 ha nach dem Leitbild Biotope City den Schritt in ein Neuland gewagt:

Es wird ein Quartier realisiert – Ende kommenden Jahres wird es fertig gestellt sein – mit hoher Lebensqualität und leistbaren, bezahlbaren Wohnungen, zu 2/3 im Sozialen Sektor. Sehr dicht, sehr grün, mit vielfältiger einheimischer Flora und Habitatmöglichkeiten für Fauna, ohne Autos auf der EG-Zone und mit einem ausgedehnten Angebot an Gemeinschaftseinrichtungen und Freiraumangebote für unterschiedliche Altersgruppen und Bedürfnisse.

In einem eingehenden Planungsprozess haben sich die Bauträger und Architekten, beraten durch ein interdisziplinäres Team von Fachleuten, darauf geeinigt, das Leitbild Biotope City für dieses neue Quartier zu realisieren.

Die zielgenaue Planung einer Biotope City mit entsprechenden klimatischen Auswirkungen wurde unterstützt durch die Anwendung eines neuen Simulationsmodells, das von dem Wiener Startup-Unternehmen ‚Green4Cities‘ entwickelt wurde – ein Verfahren, das endlich Architekten Planungssicherheit hinsichtlich der Effekte von Begrünung auf Temperaturen und Wind gibt und das inzwischen bei Projekten in verschiedenen Ländern Anwendung findet. 

Inzwischen hat auch die Internationale Bauausstellung Wien 2022 dieses Projekt als ein Pilot-Projekt gekürt. Näheres zu diesem sehr interessanten und meines Wissens in dieser Grössenordnung bislang einzigartigen Projekt lesen Sie hier in einem gesonderten Beitrag über die Planungsgeschichte und die Planungskriterien. Mit einem weiteren Link können Sie erhalten Sie Einblick in die Broschüre, die neuen Bewohnern der Biotope City Wienerberg überreicht wird – eine gute detaillierte Übersicht auch für aussenstehende Fachleute. Ich beschränke mich auf dieses Fazit: die Biotope City Wienerberg ist ein Modell für ein zukunftsgerechtes, klimaresilientes neues Quartier mit leistbaren Wohnungen in einer angenehmen grünen Lebensumwelt.